Mixing Workshop 2.0  
Retro: analoge Effekte - hausgemacht (Ein Beispiel-Kapitel)
Daß wir heutzutage unsere Signale mit allerlei Multi-Effekten aufblasen können, ist im digitalen Zeitalter normal, und das ist auch gut so. Schließlich hat uns diese Technik eine Vielfalt an Klanggestaltung in die Hände gegeben, wie sie so vorher nie möglich gewesen ist, geschweige denn zu solch humanen Preisen. Daß es jedoch auch eine ganze Menge wirklich einfacher, "analoger"   Tricks gibt, von der Veredelung bis hin zur totalen Verfremdung eines Signals, ist - zumindest in der Amateurszene - weitgehend unbekannt. Ich meine die Nachbearbeitung mittels verschiedener Verstärker/Lautsprecher-Kombinationen (wohlgemerkt gut klingende Röhrenteile wie z.B. einen Gitarren-Amp) oder Manipulationen am Tonträger.

Es ist ja so, daß Röhren und Lautsprecher dem Signal noch jede Menge Zeug hinzufügen wie Kompression, Wärme, Verzerrung, Obertöne, um nur einiges zu nennen. Außerdem muß der Lautsprecher ja erst mal die Luft bewegen, was wir dann wiederum mit einem Mikro aufnehmen, ein Vorgang der dem Signal jede Menge Leben einhaucht. Jeder Gitarrist kann Euch ein Lied davon singen. Wäre dem nicht so, könnten wir eine E-Gitarre einfach ins Pult stecken und aufnehmen (was übrigens manchmal durchaus auch sehr

reizvoll klingt!). Allerdings geht es heute nicht um die Kreation von Gitarren-Sounds, zumindest nicht in erster Linie, sondern wir wollen mal hören, was passiert, wenn wir anderes Material über einen solchen Amp jagen. Im übrigen hat diese Art der Klangerzeugung im Zuge der Retro-Welle (z.B. Brit-Pop) wieder zunehmend an Bedeutung gewonnen, zumal man diese Sounds mit keiner Digitalkiste in dieser Qualität zustande bringt.
Vom Mischpult auf den Amp

Zunächst brauchen wir natürlich einen Ausspielweg aus dem Mischer, um unser Signal auf den Amp zu bekommen. Dazu verwenden wir einen Effekt-Send, eine Subgroup, den Direct Out eines Kanals oder was immer geeignet ist, ein Einzelsignal regelbar auszugeben. Das ist sehr wichtig, denn aus einem Pult oder einem Aufzeichnungsgerät kommt wesentlich mehr Dampf raus als aus einer E-Gitarre, und

wir wollen (zunächst) den Amp ja nicht gleich total überfahren. Vor den Lautsprecher stellen wir ein Mikrofon, damit wir das verfremdete Signal wieder aufnehmen bzw. dem Mix hinzufügen können. Dann drehen wir vorsichtig unseren Ausspielweg auf und stellen den Amp ein, bis der gewünschte Effekt erreicht ist, und ab geht die Post.
Keyboards anwärmen

Keyboards clean

Keyboards angewärmt

Keyboards crunchy

Keyboards crunchy +Wah-Wah

Die meisten Keyboards sind heute in der Lage, E-Pianos und Clavinets relativ authentisch zu simulieren. Allerdings klingen sie trotz aIlem am Ende meist etwas steril. Dazu muß man wissen, daß die Originale wie Fender Rhodes, Wurlitzer Piano oder Hohner D6 seinerzeit auch über Amps gespielt wurden, und das wurde aufgenommen. In den seltensten Fällen wurden die Instrumente direkt ins Pult gespielt. Auch die ersten Synthies wie z.B. der legendäre Mini-Moog wurden oft so aufgenommen.

Was liegt also näher, als unsere Keyboards ebenfalls über den Amp zu schicken, um ihnen etwas Leben einzuhauchen. Auf der CD demonstriere ich das mal mit zwei E-Pianos aus meinem alten DX 7 und einem Clavinet aus dem D 110.

Zunächst hört Ihr natürlich wieder die Originalsounds aus den Synths, anschließend das Gleiche über den Gitarrenverstärker, in unserem Falle der Marshall Slash mit einer 4 x 12er Box. Das machen wir in zwei Versionen, einmal clean und einmal angezerrt.

Weil wir schon gerade bei Realtime-Effekten sind, hängen wir noch ein Wah-Wah-Pedal zwischen Ausspielweg und Amp und hören uns das auch noch an. Wer sich im Fernsehen manchmal alte Tatort-Folgen ansieht, dem ist vielleicht schon mal dieses wunderbare, verzerrte Fender Rhodes mit Wah-Wah im Nachspann aufgefallen! Dieses war der erste Streich.

Signale rotieren lassen

Keyboards durch Leslie

Nachdem viele Vintage-Keyboarder auch Organisten waren, hatten sie meist auch ein Leslie 'rumstehen, über das dann oft auch die E-Pianos gespielt wurden. Ich nehme an, daß die meisten von Euch kein Leslie "rumstehen" haben, aber es gibt mittlerweile recht gute elektronische Simulatoren, die ziemlich echt klingen. Allerdings simulieren sie nur die Rotation der Lautsprecher, den unverwechselbaren, warmen

Röhrensound eines echten Leslie's können sie nicht nachbilden. Wer es also ganz perfekt machen will, nimmt sein Keyboard vielleicht schon mit einem Röhrenamp auf und schickt es anschließend durch den Simulator. Unsere Beispiele auf der CD kommen jedoch aus einem echten Leslie, d.h., ich schicke die Sounds direkt auf das Orgelcabinet.

Mißratene Sounds?

"Zoom"-Gitarre duch Marshall

Akustik-Gitarre duch Marshall

Auch mißratene Gitarrensounds kann man oft noch erheblich aufwerten, indem man sie vom Band auf den Amp schickt und nochmal aufnimmt. Allerdings wird man im nachhinein eine verzerrte Gitarre schwerlich in eine cleane verwandeln, umgekehrt funktioniert das jedoch hervorragend. Selbst Akustik-Gitarren werden so zu E-Gitarren. Auch Gitarren, die mit einem Effekt-KastI wie Zoom oder ähnlichem aufgenommen wurden und eigentlich schon ganz okay klingen, kann man mit dieser Methode oft noch den entscheidenden Kick verpassen.

 

Bei großen Produktionen wird übrigens manchmal neben dem Amp-Signal auch noch das reine Gitarren-Signal parallel mit aufgenommen, um so später mit verschiedenen Verstärkern und Sounds experimentieren zu können. Das hat den Vorteil, der Gitarrist hört bei der Aufnahme einen Sound, der ihn anmacht, und man bekommt dadurch eine optimale Performance aufs Band. Trotzdem hat man in der Mischung die Möglichkeit, den Sound durch einen vollkommen anderen zu ersetzen, ohne die gut gespielte Gitarre zu verlieren. Bevor Ihr jedoch anfangt, so zu produzieren, solltet Ihr Euch vergewissern, daß Ihr reichlich Aufnahmespuren zur Verfügung habt!

Leslie-Gitarren, die sprechen?

E-Gitarre duch Leslie

E-Gitarre duch Talkbox

Selbstverständlich werde ich auf der CD auch eine Gitarre über das Leslie schicken, meiner Meinung nach einer der geilsten Gitarreneffekte zwischen Loisach und Mississippi. Und nachdem ich noch ein anders Spielzeug - eine Talkbox -

rumfliegen habe, muß ich das natürlich auch noch ausprobieren. Ich werde versuchen, aus einer bereits aufgenommenen, "normalen" Gitarre eine "Talking Guitar" zu machen.

Mit Sicherheit nicht "HiFi"

Stimmen durch Marshall bzw. Leslie

Der Eine oder Andere hat sich sicher schon mal gefragt, wie man diesen krätzigen Stimmensound hinbekommt, wie man ihn auf manchen Stücken von Lenny Kravitz, Selig oder auch INXS hört. Dreimal dürft Ihr raten. Jeder Retro-Act, der was auf sich hält, kommt heutzutage nicht umhin, die eine oder andere Vocal-Spur über den Lead-channel zu jagen. Nix Distortion-Pedal, Röhrenverzerrung ist angesagt! Der Mixing-Workshop am Puls der Zeit beugt sich natürlich auch diesem Modediktat und presst die Claudia Kaisler (oder

wenigstens ihre Stimme) durchden Marshall. Und weil es gerade so schön ist, bleibt den Vocal-Tracks auch das Leslie nicht erspart.

All diese Sounds gehen übrigens, wie so vieles, wieder mal auf die Beatles und Brian Wilson von den Beach Boys zurück; sie waren die ersten, die verrückt genug waren, in dieser Richtung zu experimentieren und das alles dann auch noch auf Platte zu pressen.

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Das Band liegt "verkehrtherum" in der Maschine

Auch aus dieser Ecke stammt die Idee, das Band umzudrehen um somit Rückwärts-Sounds zu kreieren. Für Besitzer von digitalen Bandmaschinen wird es hier jetzt allerdings schwierig, eine Adat-Cassette kann man nicht umdrehen. Für alle anderen eine kurze Anleitung: Ihr legt Euer Band bzw. die Cassette verkehrt herum in die Maschine, folglich hört Ihr alles bisher Aufgenommene rückwärts. An der entsprechenden Stelle nehmt Ihr ein Solo auf oder Ihr schickt etwas durch den Hall und nehmt das auf oder Ihr laßt Euch sonst was verrücktes einfallen. Wenn Ihr dann anschließend das Band wieder richtig herum einlegt, kommt das Aufgenommene rückwärts daher, was sehr witzig sein kann. Siehe auch Grafiken 27, 28 und 29.

Damit man in diesem Modus nicht versehentlich etwas löscht, ist es wichtig, zu beachten, daß bei umgedrehten Band sich auch die Spurnummerierung umdreht:

Vorher

Bild 27:
Auf Spur #1 ist eine Snare aufgenommen.
Spur #2 ist noch frei.
Bei einem 8-Spur-Gerät beispielsweise wird Spur 1 zu Spur 8,. 2 wird zu 7, 3 zu 6 usw. Außerdem empfiehlt es sich bei Aufnahme eines Solos oder ähnlichem vor dem Umdrehen einen Klick mit deutlich erkennbarer "Eins" aufzunehmen man ist doch ziemlich verwirrt, wenn man das Playback rückwärts hört. Band umgedreht Nachher
Bild 28:
Nach Umdrehen des Bandes kommt die Snare
rückwärts. Das wird durch den Hall geschickt
und auf die Spur #2 aufgenommen.
Bild 29:
Nach abermaligem Band-Umdrehen kommt
die Snare wieder richtig, dafür kommt der Hall
jetzt rückwärts daher, und zwar vor der Snare.
Abgedreht


Das Band liegt wieder "richtigherum" in der Maschine

Ob das alles im Kontext funktioniert, kann man leider immer erst hören, wenn das Band wieder richtig in der Maschine liegt, man muß oft mehrmals umdrehen und neu aufnehmen, nochmals umdrehen und anhören, was natürlich etwas mühsam ist. Andererseits wird man vielleicht mit einer wirklich rausgeröntgen Sache belohnt, und das war es dann auch wert.

Eine digitale Möglichkeit für diese Effekte gibt es dann doch, allerdings braucht man dazu einen Sampler oder einen Harddisk-Recorder. Für einen Rückwärtshall muß man das entsprechende Signal erst einmal umdrehen. Entweder man sampelt es und läßt es dann rückwärts abspielen oder dreht es im Harddisk-System einfach um. Das schickt man dann durch den Effekt und nimmt diesen auf. Danach dreht man

beides um und verschiebt den nun rückwärts daherkommenden Effekt so lange nach vorne, bis er richtig sitzt. Oder man dreht das Playback um, spielt etwas dazu und dreht dann beides um.

Auf der CD gebe ich ein kleines Rückwärts-Gitarrensolo zum Besten und verpasse dem Schlagzeug-Intro einen Rückwärts-Hall. Wem das alles noch nicht verrückt genug ist, der kann ja danach das Rückwärts-Solo vorwärts mit einem Wah-Wah oder einer Talkbox bearbeiten und anschließend wieder rückwärts durch das Leslie jagen.....

In meinem nexten Puch lehsen Sie, wi mann aus ter Klapsmühle wider herausgommt.

 

Weil es immer wieder nachgefragt wird: Ja, ja, ja - die zusammeneditierte, "lange" Version des Mixing Workshop Songs gibt's mittlerweile für lau!
Mixing Workshop Song Remix

Dieses Beispiel-Kapitel beinhaltet auch die entsprechenden, einzelnen Klangbeispiele; jedes davon entspricht einem ID auf einer der Original-CDs. Ein Klick auf das jeweilige -Symbol lädt das passende Beispiel in den Player.

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